4.12.2015

Gastbeitrag

Frieden – zum Schießen!

Martin Buchholz, Kabarettist
Sehet, man verkündigt uns große Freude: Weihnachtlich schweben bald wieder deutsche Tornados als Friedensengel herum und sorgen für bombige Festtagsstimmung. In Syrien und im Irak soll der Horror-Verein des Islamischen Staates mit deutscher Hilfe mal eben zersprengt werden. Hat ja schon in Afghanistan so prima geklappt: Alle Taliban sind bekanntlich weggebombt und im Lande herrscht eitel Frieden und Demokratie. Kein Mensch kann verstehen, warum da immer mehr Flüchtlinge aus dem Hindukusch bei uns an die Tür der Asyl-Herberge klopfen.

Jetzt gilt es also, in Syrien für den Kollateralschaden zu sorgen, der immer mehr Terroristen produziert und die Flüchtlingszahlen weiter ansteigen läßt. "Es geht darum, den Weltfrieden wieder sicherer zu machen", erklärt Frau von der Leyen, sich selbst verteidigend gegen den Vorwurf, daß dieser Kriegseinsatz ohne jede Strategie und ohne konkretes Ziel ein sinnloses Unterfangen sei. Der Weltfrieden wird’s schon richten.

In meinem neuen Buch, dem satirischen Lexikon "Missverstehen Sie mich richtig", habe ich mir dazu unter dem Stichwort "Frieden – meist zum Brechen" schon früher meine kruden Gedanken gemacht.

"Wir Deutschen sind mit aufgerufen, den Weltfrieden zu sichern." So drohte es ein Generalinspekteur der Bundeswehr den Soldaten an. Nun waren deutsche Uniformträger schon früher viel in der Welt unterwegs zwecks friedensstiftender Maßnahmen. Leider ging der Frieden dabei immer wieder stiften. Aber an alles kann sich ein deutscher General nun auch nicht erinnern. Was deutsche Vergangenheiten angeht, leiden die meisten Generäle unter Gedächtnisschwund. Das ist die übliche General-Amnesie. (–» E wie 'Euro-Vision - ein deutscher Einfall')

Nun gibt es ja den Frieden in sehr unterschiedlichen Ausführungen: Im Kleinformat haben wir den Hausfrieden; die Standard-Ausführung ist der Landfrieden und das Luxusmodell war schon immer der Weltfrieden.

Eigentlich sollte ich mich zu diesem Thema gar nicht äußern, denn ich bin ein aktenkundiger Anstifter zum Unfrieden. Den Landfrieden zum Beispiel habe ich gleich mehrfach gebrochen – weil ich mich an demonstrativen Zusammenrottungen in Berlin und Gorleben beteiligt hatte und der Aufforderung der Polizei, mich unverzüglich aufzulösen, nicht Folge leistete. Daraufhin gab es mir das Landgericht schriftlich, daß ich ein Landfriedensbrecher sei. Und dafür mußte ich zur Strafe heftig berappen. Seither weiß ich: Der Frieden ist was Kostbares, der geht ins Geld. Erst brechen, dann blechen.

Das ist mit dem Hausfriedensbruch nicht anders. So etwas kam im westlichen Berlin häufig vor in den Zeiten der Hausbesetzungen. Ein Freund von mir ist verurteilt worden, weil er damals mit anderen in ein leer stehendes, verfallenes Haus eingezogen war, das schon jahrelang wüst und verlassen in der Stadtlandschaft herumgestanden hatte. Dieses Haus hatten die Instandbesetzer dann mit viel Mühe und Fleiß wieder bewohnbar gemacht. Und damit, sagte später der Richter, den Hausfrieden gebrochen.

Was lernt uns dieses? Jawohl: Der Idealzustand des Hausfriedens ist dann erreicht, wenn ein Haus unbewohnbar geworden ist, weil total verfallen und verwüstet. Das Ergebnis: ein menschenleerer Frieden.
Verstehen Sie jetzt, warum mich seither ein unsanftes Gruseln packt, wenn ich einen deutschen General vom Weltfrieden reden höre?

 

Gastbeitrag von

Martin Buchholz

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