12.10.2012

Gastbeitrag

Nobel geht Europa zugrunde

Martin Buchholz, Kabarettist
Nun also ist die Europäische Union friedensgenobelt. Und das zu einem Zeitpunkt des größten europäischen Unfriedens. Da feiert die nationalistische Hetze gerade wieder ein hemmungsloses Comeback, sowohl bei uns als auch in den südlichen Ländern – und ich denke hier vornehmlich an Bayern. Das politische Sprachrohr dieser Dumpfköpfigkeit ist jener CSU-General, der ständig seinen Geifer absondert, also hemmungslos generalsekretet. Aus dem europäischen Stier, wie ihn der olle Zeus einst in Mode brachte, wurde ein bayrischer Ochse namens Doofrind, oder so ähnlich.

Der Euro, der eigentlich das Symbol der europäischen Einigung sein sollte, wurde umgemünzt in einen falschen Fuffziger, der den Völkerhaß auf diesem Kontinent erst so richtig hochkochen ließ und läßt. Von einer europäischen Vereinigung ist da wenig zu spüren. Genauer gesagt: Nichts! Da ist nichts mehr geblieben, von dem schönen gemeinsamen Gefühl, daß wir alle Europäer sind. Und gerade für etliche Deutsche meiner Generation war Europa immer ein Zufluchtsort. Da fanden wir politisches Asyl, wenn man uns zu Hause verfolgte mit dem dumpfbräsigen Gedöns, daß wir gefälligst stolz zu sein hätten, Deutsche zu sein. Besonders augenfällig wird dieser Stolz, wenn er schwarzrotgold umrandet immer mal wieder von den Titelseiten der BILD-Zeitung vorschlaghammermäßig in die nationalen Schrumpfhirne gedonnert wird.

Erst am Mittwoch hat dieses Blatt mal wieder völkisch scharf beobachtet, was des Volkes Maul am Stammtisch von sich gibt: "Griechenland, es reicht!" So das Ultimatum des BILD-Kommentators, als die deutsche Kanzlerin bei ihrem Griechenland-Besuch nicht auf weißen Rosen aus Athen gebettet wurde und der Massenjubel eher zu wünschen übrig ließ. "Undankbarer geht es nicht. Es reicht!... Das Griechenland, das sich gestern mitten in Athen zeigte, gehört nicht in den Euro."

Was wollte die Kanzlerin eigentlich in Griechenland? Aus der Ferne kann sie dieses Land doch viel besser regieren. Mit etwas Abstand kann sie auch effektiver die Peitsche ihrer Spardiktatur schwingen. Dann muß sie sich zumindest nicht mitanhören, wie dieses undankbare Schmarotzerpack unter ihren Hieben jammert und jault. Bloß weil es mal lernen soll, wie es ist, weit unterhalb der Hartz-IV-Basis zu vegetieren.

Die Arbeitslosen in Griechenland kriegen ja nur noch ein Jahr lang Arbeitslosengeld – und von dem können sie nicht leben und nicht sterben. Was heißt können? Die wollen nicht, zumindest nicht sterben. Da sieht man wieder diesen ausgeprägten Egoismus der Griechen gegenüber uns deutschen Mit-Europäern. Ein kollektiver griechischer Massen-Suizid wäre ein Zeichen der Solidarität, das den gesamteuropäischen Interessen, wie sie die Kanzlerin immer wieder anmahnt, sehr entgegenkäme. Um den Griechen diese finale Entscheidung zu erleichtern, wurde auf Anordnung der Troika jedes weitere soziale Almosen gestrichen. Nach einem Jahr Arbeitslosigkeit gibt es keinen Cent mehr. Das sollte zur Abschreckung dienen, aber nee, was geschieht? Da liegen die Arbeitslosen nun massenhaft auf der Straße – nicht nur in Griechenland, sondern in ganz Südeuropa, und was machen sie dort aus lauter Langeweile? Jawohl, sie vermehren sich. Und das auf offener Straße in aller Schamlosigkeit.

Deshalb sind ja viele Deutsche nach wie vor der Meinung, es sei ein Fehler gewesen, in Afghanistan einzumarschieren, wo Griechenland sehr viel näher gelegen hätte. Zumal wir uns dort von früher her schon ein bißchen auskannten. Zugegeben, dieser naheliegende deutsche Gedanke ist vielleicht nicht ganz im Sinne des Friedensnobelpreises, aber schließlich haben wir den auch nicht bekommen. So wird bei der Verleihung am 10. Dezember in Oslo auch nicht die wahre Herrscherin über diesen Kontinent den Preis entgegennehmen, obwohl sie als europäische Sado-Maso-Queen jedes Vorrecht dazu hätte. Eine schreiende Ungerechtigkeit. Vielleicht sollten wir auch in Norwegen mal wieder mit einer größeren deutschen Reisegruppe vorbeischauen...

 

Gastbeitrag von

Martin Buchholz

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