20.11.2011

Neonazi-Zelle für versuchten
Terror-Anschlag 1997 verantwortlich?
Viele Hinweise auf Geheimdienst-Verwicklung

Pässe für Neonazi-Terroristen Berlin (LiZ). Die Neonazi-Zelle um Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos hat möglicherweise bereits 1997 einen Anschlag auf Ausländer in Thüringen versucht. Außerdem kam zutage, daß mindestens drei V-Leute Kontakt zu der Gruppe hatten und daß der deutsche Geheimdienst MAD nach dem Abtauchen der Gruppe in den Untergrund über dessen Aufenthaltsort informiert war.

Grund genug, die Neonazi-Zelle um Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos weiter zu observieren oder festzunehmen, hätte der deutsche "Verfassungsschutz" bereits vor deren Abtauchen in den Untergrund im Januar 1998 gehabt: ErmittlerInnen entdeckten am 18. November 1997 einen Sprengsatz in einem Haus in Stadtroda bei Jena, wie der Mitteldeutsche Rundfunk (MDR) heute unter Berufung auf die Jenaer Polizei berichtete. Ziel waren offenbar dort untergebrachte Arbeiter aus Portugal.

Der Sprengsatz lag laut MDR-Informationen neben dem Kessel einer Gasheizung. Lediglich eine Störung am Zünder habe eine Explosion verhindert. Ein Sprecher des Thüringer Landeskriminalamtes (LKA) erklärte, der Vorgang sei im Amt "nicht bekannt" und die Staatsanwaltschaft Gera wollte Ermittlungen zu dem Fall weder bestätigen noch dementieren.

Ebenfalls vor dem Abtauchen in den Untergrund hatten Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos - vermutlich zumindest mit Beihilfe von Beate Z. - in den Jahren 1996 und 1997 Sprengsätze und Bombenattrappen an mehreren Orten deponiert, so an einer Autobahn, in einem Stadion, auf einem Friedhof und vor einem Theater. Außerdem erhielten die Polizeidirektion Jena, die Stadtverwaltung und die Redaktion der 'Thüringer Landeszeitung' Briefbombenattrappen, die mit Hakenkreuzen versehen waren und vermutlich ebenso von dieser Neonazi-Zelle stammten.

Wegen der Briefbombenattrappen fand am 24. Januar 1998 eine Hausdurchsuchung statt, in deren Verlauf eine Bombenwerkstatt in der Garage entdeckt wurde, die eindeutig Beate Z., Böhnhardt und Mundlos zugeordnet werden konnte. Dort fanden sich vier Rohrbomben und 1,4 Kilogramm des Sprengstoffs TNT. Die Polizei traf Uwe Böhnhardt sogar an. Trotz des Fundes und einer vorangegangenen Verurteilung zu dreieinhalb Jahren wurde Böhnhardt an diesem Tag aber nicht festgenommen. Da ein Haftbefehl erst Tage später ausgestellt wurde, blieb den Neonazis genügend Zeit in den Untergrund abzutauchen. Dies deutet darauf hin, daß die Neonazis über eine Einflußnahme auf die Polizeiarbeit von "oben", die nicht vom damaligen Präsidenten des thüringer "Verfassungsschutzes" Helmut Roewer gesteuert sein konnte, gedeckt wurden. Dabei halfen offenbar auch Pässe, die in einer Qualität gefälscht waren, wie sie in der Regel nur Geheimdiensten möglich ist. (Diese Information stammt nicht - wie etwa von der 'taz' fälschlich behauptet - aus dubioser Quelle, sondern von Hans-Peter Uhl, dem innenpolitischem Sprecher der Unions-Bundestagsfraktion.)

Ein weiteres Indiz, daß Geheimdienst-Kräfte in die terroristische Mord-Serie verwickelt sind, sind Aussagen von AnwohnerInnen des Eisenacher Neubaugebietes, in dem das Wohnmobil stand, in dem die Leichen von Böhnhardt und Mundlos gefunden wurden: Entgegen den Aussagen der Polizei sollen vor dem Eintreffen der Feuerwehr beim brennenden Wohnmobil keine Schüsse zu hören gewesen sein. Laut der bisher bekannten offiziellen Darstellung hatten Böhnhardt und Mundlos nach einem Überfall auf eine Sparkasse in Eisenach das Wohnmobil gegen 11:30 Uhr angezündet und sich erschossen. Zwei Polizeibeamte hätten sich zuvor dem Wohnmobil genähert und zwei Schüsse gehört. Es ist jedoch auch denkbar, daß die Leichen samt präparierten "Beweisstücken", die dort von der Polizei gefunden werden sollten, im Wohnwagen abgelegt wurden. Verdächtig ist zudem, daß nach dem Auffinden der Leichen am 4. November allzu schnell die Meldung verbreitet wurde, Böhnhardt und Mundlos hätten sich selbst erschossen - noch bevor das Ergebnis einer Obduktion vorliegen konnte.

Offenbar führte der thüringer "Verfassungsschutz" Ende der 1990er-Jahre mindestens drei V-Leute im Umfeld der Neonazi-Zelle. Es erscheint daher als äußerst unglaubwürdig, wenn heute behauptet wird, der "Verfassungsschutz" habe "versagt" und die Neonazis aus den Augen verloren. In den 1990er-Jahren wurden die Neonazis in Thüringen mit hunderttausenden Mark aus Steuergeldern vom "Verfassungsschutz" finanziert. Auch in den dreizehn Jahren, in denen die Neonazi-Zelle im Untergrund fortexistierte, fanden unter den Augen des "Verfassungsschutzes" öffentliche Solidaritäts-Konzerte statt, deren Erlös für die Gruppe bestimmt war. Und vor zehn Jahren scheiterte das Verbotsverfahren gegen die NPD, weil das Bundesverfassungsgericht feststellen mußte, daß mindestens jedes siebte NPD-Mitglied in Leitungsfunktionen ein "Verfassungsschutz"-Agent war.

Des weiteren kam nun zutage, daß ein weiterer deutscher Geheimdienst, der Militärische Abschirmdienst (MAD), seine Finger im Spiel hatte. Ein V-Mann des MAD habe sogar nach dem Untertauchen der Gruppe den Aufenthaltsort gekannt. Diese Information sei auch regulär von der MAD-Stelle in Leipzig an die Kölner Zentrale gemeldet worden. Doch dort - wieder ein recht unwahrscheinliches Detail - sei diese Information "liegengeblieben." Dies habe nach Informationen aus dem Parlamentarischen Kontroll-Gremium MAD-Präsident Karl-Heinz Brüsselbach dort am Dienstag ausgesagt. Die ARD berichtete, die MAD-Ermittlungen könnten im Zusammenhang mit dem Sprengstoff TNT stehen, der in der Bombenwerkstatt gefunden wurde. Denn es bestand der Verdacht, daß der Sprengstoff aus Bundeswehr-Beständen stammte.

Ein weiteres Indiz, daß die Neonazi-Zelle in Verbindung mit Geheimdienst-Kräften stand, ist die Tatsache, daß sich bei dem Mord am 6. April 2006, dem der 21-jährige Halit Y. in einem Internet-Café in Kassel zum Opfer fiel, ein Beamter des hessischen "Verfassungsschutzes" anwesend war. (Siehe unseren Artikel vom 15.11.11) Dieser hatte sich nicht bei der Polizei als Zeuge gemeldet. Erst nach eingehenden Polizei-Verhören habe der "Verfassungsschutz"-Mitarbeiter Andreas T. gestanden, am Tatort gewesen zu sein. Dennoch wurde eine Anklage gegen ihn "mangels Beweisen" niedergeschlagen. Mittlerweile wurde aufgedeckt, daß Andreas T. beruflich mit der Observierung von thüringer Neonazis beschäftigt war.

Es ist daher zumindest voreilig, wenn von etlichen Seiten nun "beklagt" wird, die Geheimdienste hätten versagt. Im Gegenteil deutet einiges darauf hin, daß die Neonazis gezielt aufgebaut wurden und daß die Mord-Serie nicht ohne die Kenntnis von Geheimdienst-Kräften oder gar in deren Regie stattfand.

 

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Anmerkungen

Siehe auch unsere Artikel:

      Festnahme der Neonazi-Zelle 1999 gestoppt
      Befehl von "oben" (18.11.11)

      V-Mann "Kleiner Adolf"
      war in Kassel bei Mord zugegen (15.11.11)

      Neonazi-Terroristen
      Pässe vom Geheimdienst? (13.11.11)

      Trojaner-Skandal weitet sich aus
      "Big Brother" kann noch mehr (19.10.11)

      0zapftis - CCC analysiert "Bundes-Trojaner"
      Verfassungsignoranz und Dilettantismus (8.10.11)

      Stasi-Akten offenbaren Nazi-Hintergrund
      des Dutschke-Attentats von 1968 (6.12.09)

      Mielke geistert weiter durch deutsche Telefone
      Zahl der Abhör-Aktionen steigt dynamisch (23.09.09)

      Postzensur in der BRD
      Wieviel das Grundgesetz in den 1950er-Jahren wert war
      (27.06.09)

      60 Jahre Unrechts-Staat BRD
      (23.05.09)

      Ohnesorg-Mörder erneut angeklagt
      Kurras war anscheinend Stasi-Spitzel (22.05.09)

      Ohne V-Leute würde NPD zusammenbrechen
      Baden-Württembergs Innenminister Rech plaudert
      (8.03.09)

      Staatsspitzel als Messerstecher?
      Merkwürdigkeiten im Fall Mannichl (12.01.09)

      War RAF vom Verfassungsschutz gesteuert?
      Buback-Sohn legt Finger in offene Wunde (24.12.08)

      Big Brother hört mit
      Zahl der Abhör-Aktionen nimmt weiter zu (20.05.2008)

      Datenschutz - mehr Löcher als Käse
      BKA speichert IP-Adressen (27.11.07)

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      (25.04.07)

      Der "Sturm auf die Stasi-Zentrale" - eine Farce
      Ende 1989 war wochenlang Zeit... (15.01.05)

      Der 'spiegel' enthüllt:
      Totalüberwachung der Konten (21.11.04)

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      Neues "rot-grünes" Telekommunikationsgesetz
      (26.01.04)

      "Rot-Grün" im Überwachungswahn (8.05.03)

      Echelon und die deutsche Wirtschaft (5.03.01)

      Stasi-Mielkes Auferstehung (23.02.01)

      Echelon: Existenz des Abhörsystems
      erstmals von einer Regierung bestätigt (21.01.01)