9.01.2018

Immer mehr Unter-18-jährige bei Bundeswehr
Verdreifachung in 6 Jahren

Kindersoldat bei Bundeswehr - Grafik: Samy - Creative-Commons-Lizenz Namensnennung Nicht-Kommerziell 3.0
Berlin (LiZ). Die Image-Kampagne der Bundeswehr ist offenbar erfolgreich. Ministerin Ursula von der Leyen kann eine Verdreifachung der Zahl der minderjährigen RekrutInnen seit 2011 verzeichnen. Friedens-Organisationen werten dies als Skandal.

Die Zahl der Unter-18-jährige bei Bundeswehr hat nach Angaben des deutschen Kriegs-Ministeriums (sogenanntes Verteidigungs-Ministerium) im Jahr 2017 den Rekordstand von 2.128 erreicht - darunter 448 weibliche Rekrutinnen. Ausgehend von 689 im Jahr 2011 hat sich somit die Zahl der minderjährigen SoldatInnen verdreifacht. Dies entspricht rund zehn Prozent eines Jahrgangs. Die Zahl der weiblichen Rekrutinnen hat sich ausgehend von 57 im Jahr 2011 sogar verachtfacht.

Unter-18-jaehrige bei der Bundeswehr, 2011 bis 2017 - Grafik: RN - Creative-Commons-Lizenz Namensnennung Nicht-Kommerziell 3.0

Marco Krüger vom Internationalen Zentrum für Ethik in den Wissenschaften der Universität Tübingen kritisierte bei einer Expertenanhörung das Vorgehen von der Leyens. Schon der Titel der Kampagne, "Mach, was wirklich zähl" präsentiere den Beruf mit der Ausbildung zum gezielten Morden als sinnstiftende gesellschaftliche Aufgabe. Damit werden laut Krüger zivile Berufsfelder implizit abgewertet und zugleich militärische Gewalt als Mittel der Konfliktlösung zum Normalfall erklärt. Aus den Reihen der Friedensbewegung wird zudem seit Jahren darauf hingewiesen, daß die Bundesregierung dem Einsatz von Kindersoldaten in anderen Staaten nicht mehr glaubwürdig entgegentreten könne.

Die Bundeswehr setzt Minderjährige zwar grundsätzlich nicht auf Auslandsmissionen ein, sie nehmen aber an allen ihrer vorgesehenen Laufbahn entsprechenden militärischen Ausbildungen teil - auch mit scharfen Waffen. Roland Blach von der Deutschen Friedensgesellschaft / Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen (DFG/VK) sieh diese Entwicklung als Skandal: "Daß die Zahlen immer weiter steigen, ist bedrohlich." Die Rekrutierung von Minderjährigen und die speziell auf sie abzielende Werbung müsse gestoppt werden.

Ursula von der Leyen hatte 2008 in ihrer damaligen Funktion als "Familien-Ministerin" noch den Jugendschutz ausgeweitet und den Verkauf von gewissen Killerspielen mit einer Altersbeschränkung "ab 18" belegt. Bekanntlich werden allerdings seit Jahrzehnten die entsprechenden Spiele-Produzenten - insbesondere in den USA - mit verdeckten Subventionen gefördert.

Die Bundeswehr hat seit der Abschaffung der Wehrpflicht im Jahr 2009 massive Personal-Probleme. Sie hat zu wenig SoldatInnenen und zudem ist die Truppe überaltert. Das deutsche Kriegs-Ministerium unter von der Leyen gab daher Dutzende Millionen Euro für PR-Kampagnen aus und wirbt an Schulen und in den sogenannten sozialen Netzwerken wie facebook und twitter verstärkt um die Unter-18-jährigen.

Personalbestand bei der Bundeswehr, 2000 bis 2017 - Grafik: RN - Creative-Commons-Lizenz Namensnennung Nicht-Kommerziell 3.0

Auch wenn die Bundeswehr eine schwammige Formulierung in der UN-Kinderrechtskonvention zu ihren eigenen Gunsten auslegt, widerspricht die Anwerbe-Praxis laut Kritik der Friedensbewegung doch dem Geist dieses 1990 in Kraft getretenen und mittlerweile von allen UN-Mitgliedsstaaten mit Ausnahme der USA - und demnach 196 Staaten - unterzeichneten Übereinkommens. Weltweit gibt es nur 39 Unterzeichner-Staaten, die neben Deutschland ebenfalls Unter-18-Jährige ins Militär aufnehmen.

Von der Leyen rechtfertigt die kritisierte Anwerbe-Praxis damit, daß die Bundeswehr im Wettbewerb um die rund 70 Prozent aller Schul-AbgängerInnen, die noch minderjährig sind, stehe. Dürften etwa Realschul-AbgängerInnen erst mit 18 Jahren von der Bundeswehr angesprochen werden, seien diese meist längt in anderen Ausbildungen untergekommen.

In ihrer Kritik erhielt die Friedensbewegung auch Unterstützung durch den Schweizer Psychologen Tobias Hecker. Dieser erklärte als geladener Experte in einer Anhörung vor der Kinderkommission des Bundestages, daß Unter-18-jährige in der Bundeswehr weitaus mehr gefährdet seien als in zivilen Berufen und eine deutlich höhere Traumatisierungs-Tendenz als 25-Jährige aufweisen. Er referierte zudem Ergebnisse der Hirnforschung, wonach die Entwicklung des Frontalhirns - zuständig für Entscheidungsfähigkeit und Risikobereitschaft - erst mit Anfang 20 vollständig abgeschlossen ist. "Junge Menschen begeben sich deshalb schneller in Gefahr und haben ein höheres Risiko für Trauma-Störungen," sagte Hecker. Dieser Tatsache werde im Straßenverkehr insofern Rechnung getragen, als schwere Motorräder erst ab 21 oder gar 25 Jahren gesteuert werden dürfen. Mit 18 Jahren sei die Vulnerabilität noch sehr hoch. Die hohen Abbruch-Quoten bei den jungen RekrutInnen zeige zudem, daß die Konsequenzen risikoreicher Entscheidungen in dieser Altersgruppe häufig nicht zu Ende gedacht werden.

Untersuchungen der britischen Armee zeigen, daß unter den minderjährigen RekrutInnen die Fälle von psychischen Traumata wie Posttraumatische Belastungsstörungen, , Selbstverletzung und Selbstmord deutlich höher sind als bei Erwachsenen. Für sie besteht außerdem ein höheres Risiko, nach ihrer Entlassung an Alkoholismus zu erkranken.

Junge RekrutInnen werden signifikant häufiger Opfer sexueller Belästigungen und Übergriffe. Jede vierte Soldatin wurde bereits Opfer "unerwünschter, sexuell bestimmter körperlicher Berührungen", drei Prozent wurden nach eigenen Angaben Opfer sexuellen Mißbrauchs - bei der in diesem Bereich hohen Dunkelziffer.

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